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Zur Lehrtätigkeit (1)  

 

"Aufgabe ist die Theoriebildung aus der künstlerischen Praxis heraus. Dabei sollen in Forschung und Lehre philosophische Ästhetik und neuere kunstgeschichtliche Entwicklungen auf die Frage nach den Grundlagen des Künstlerischen und Ge-stalterischen bezogen werden."
(Aus der Stellenausschreibung in der ZEIT Nr.7 vom 7.2.1992)

Die Hinwendung zur Kunsttheorie und -wissenschaft, wie sie seit Beginn der 80er Jahre für meine Arbeit bestimmend ist, hat sich ursprünglich aus den Fragestellungen der eigenen künstlerischen Praxis entwickelt.

(1) Die Schwerpunkte der Lehrtätigkeit überschneiden sich natürlich inhaltlich mit den Bereichen der eigenen theoretischen und künstlerischen Arbeit. Darüber hinaus unterliegen sie aber auch wechselnden studentischen Bedürfnissen und institutionellen Anforderungen. Insofern beschränke ich mich hier auf einige grundsätzliche Anmerkungen zum Selbstverständnis und zur Funktion meiner Lehrtätigkeit.
   

 

Aus der bis heute von mir generell beibehaltenen Perspektive künstlerischer Praxis erscheint die Möglichkeit der Fortsetzbarkeit von Kunst stets ungewiss. Dann ist im Unterschied zu der universitär angebotenen Kunstwissenschaft, für die "Kunst" einfach als etwas positiv Gegebenes existiert, jedes Werk und seine Produktion vielmehr als eine allererst wahrzunehmende Option auf Kunst zu begreifen und diesem Problembewusstsein entsprechend zu vermitteln. Daraus folgt auch ein spezifisches Verständnis für alle kunstpädagogischen Aufgabestellungen.

Unter diesem Vorzeichen praktiziere und lehre ich Kunstwissenschaft nicht als eine akademische Disziplin, sondern mit der Intention, das Verhältnis von Kunst und Wissenschaft in produktiver Weise zu thematisieren und zu reflektieren. Da eine so verstandene Kunstwissenschaft zwischen beiden Bereichen operiert, ist die Interdisziplinärität eines derartigen Studienangebotes gleichsam genuin gegeben.

Da kunstwissenschaftliches Arbeiten zudem ohne die Einbeziehung der Kunstgeschichte und der philosophischen Ästhetik nicht auskommt, ist es generell auch transdisziplinär angelegt: Indem von den konkreten Werken ausgegangen und sich an ihnen abgearbeitet wird, geht die Kunstwissenschaft einerseits wie die Kunstgeschichte vor. Doch in dem Versuch, über eine stilgeschichtliche Einordnung und zeitbezogene Interpretation hinauszugehen und die den Werken zugrundeliegenden künstlerischen Probleme und vor allem Ideen zu erschließen, ähnelt sie der Philosophie als Ästhetik. Werden desweiteren noch die künstlerischen Konzeptionen in ihrem gesellschaftlichen Kontext betrachtet, kommt es auch zur Einbeziehung sozialwissenschaftlicher Aspekte. Dass meine Lehre der multidisziplinären Orientierung bedarf hat zahlreiche fachbereichs- und hochschulübergreifende Kooperationen und Projekte ebenso erleichtert wie erforderlich gemacht.

 

Vgl. z.B.:
- Kataloge der Jahresausstellungen des Deutschen Künstlerbundes: Mainz 1974, Dortmund 1975, Frankfurt 1977
- documenta VI. Kassel 1977. Katalog: Bd.3 Metamorphosen des Buches. S.325 f
- Kunstverein Hamburg: Forscher, Eremit, Sozialarbeiter. Zum veränderten Selbstverständnis von Künstlern. Hamburg 1979.
Katalog:S.60ff
- Neuer Berliner Kunstverein: Bildhauertechniken - Konzeptuelle Plastik. Berlin 1981. Katalog S.166 f
- Kunsthalle Nürnberg: 2. Internationale Jugendtriennale der Zeichnung + Meister der Zeichnung, Nürnberg 1982. Katalog S.28 f
- Griffelkunst-Vereinigung e.V.: MASSWERKE. Fassungen 1-3. Grafik-Edition Hamburg 1983

 

Statt sich akademisch auf das Theoretisieren über Kunst zu beschränken, wird prinzipiell versucht, Theoriebildung für die Kunst oder sogar als Kunst zu betreiben und anzuregen. Dabei obliegt es gerade der an einer Kunsthochschule angesiedelten Kunstwissenschaft besonders, sich auf die zeitgenössischen Phänomenen und Problemen der künstlerischen und gestalterischen Praxis selbst einzulassen, um für diese eine produktive Funktion entfalten zu können. Ein sich wechselseitig belebendes Theorie-Praxis-Verhältnis ermöglicht es auch, nach den Grundlagen, d.h. nach dem Verallgemeiner- und Vermittelbaren am Künstlerischen und Gestalterischen zu fragen. Statt dieses im Sinne eines Kanons vorzugebender Lehrinhalte zu definieren, ist es aus einer andauernden Analyse und Rekonstruktion des Entwicklungsstandes der Kunst immer erneut zu erforschen und anzuwenden, wobei die Verfassung aller am Lernprozess Beteiligter sowie die jeweiligen situativen und gesellschaftlichen Gegebenheiten zu berücksichtigen sind.

Je mehr diesem kunstbezogenen Typus des Theoretisierens die Annäherung an die Kunstpraxis gelingt, desto wichtiger wird ein originär künstlerisches Problem, das gerade angesichts der allseits konstatierten Krise wissenschaftlicher Diskursivität erhebliche Bedeutung hat: Wie sind theoretische Denk- und Darstellungsformen transdiskursiver Art möglich?
Gleichwohl sollten auch derart ästhetisch inspirierte Theorieformen den Anspruch auf Wissenschaftlichkeit nicht einfach aufgegeben. Statt allerdings die speziellen wissenschaftlichen Forschungsinteressen und -Methoden bloß zu übernehmen, ist an ihrer kunstgerechten Transformation zu arbeiten.


Michael Lingner


 
 

 

 
 
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